Kolpingsfamilie Rottweil e.V.

 

 

 

 

29. Juni 2014
 

Das

Gemeindehaus Adolph Kolping

in Rottweil, Waldtorstraße 8

wurde vor 90 Jahren eingeweiht.


 

Adolph Kolping( 1813 – 1865) gründete als Domvikar in Köln am 6. Mai 1849 mit sieben Gesellen den Kölner Gesellenverein; am 1. Januar 1850 hatte der Verein bereits 550 Mitglieder. Wie in Köln entstanden schnell auch in anderen Städten Gesellenvereine; bis zu Kolpings Tod im Jahr 1865 waren es 418 Vereine mit 24.000 Mitgliedern. Im Herbst 1850 schloss Kolping die Vereine Elberfeld, Köln und Düsseldorf zum „Rheinischen Gesellenbund“ zusammen, der sich ab 1851 „Katholischer Gesellenverein“ nannte. Der Verein sollte den wandernden Gesellen einen ähnlichen Halt geben, wie ihn nach Kolpings Überzeugung nur die Familie bietet, und die Gesellenhospize sollten für die Mitglieder „ein Familienhaus sein, in dem sie gewissermaßen ihre Familie, gleichgesinnte und gleichberechtigte Freunde wiederfinden und mit ihnen in inniger freundschaftlicher Weise zusammenleben.“ *¹
 

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In der Schwarzwälder Bürgerzeitung Nr. 102 ist in einem Aufruf eines Schuhmachergesellen zu lesen, dass die Gesellen von Rottweil sich am Abend des 13. Juli 1885 im Nebenzimmer des Gasthauses "Apfel" zur Gründung eines Katholischen Gesellenvereins treffen sollen. 36 junge Handwerksgesellen folgen dem Aufruf, einen Monat später findet die konstituierende Sitzung mit Wahl eines vorläufigen Ausschusses statt.*²

Bereits ein Jahr nach der Gründung zählt der Verein 100 Mitglieder. Da das Vereinslokal im "Apfel" zu klein ist, wird das Gasthaus "Hummel am Schwarzen Tor" neues Vereinslokal ( später "Torstube").

Die Freude des Präses sei so groß gewesen, dass er bei der Eröffnungsfeier zwei Raummeter Holz und einige Bilder als Wandschmuck gestiftet habe.*²

Die “Torstube“ wurde also zur gemütlichen Gesellenstube, in der das Vereinsleben sich mehr und mehr entfaltete.

Allerdings wurde, trotz besten Einvernehmens mit dem Hausbesitzer, nach acht Jahren wieder umgezogen in den “Mohren“ am Friedrichsplatz. Dort war mehr Platz und man blieb 18 Jahre lang.


1901 wird der Verein im Februar in das Vereinsregister eingetragen.

Die Mitgliedschaft im katholischen Gesellenverein war an Statuten gebunden: Jedes Mitglied musste männlichen Geschlechts und mindestens 17 Jahre alt sein. Der junge Mann musste einen unbescholtenen Lebenswandel führen. Ferner wurde ein Eintrittsgeld sowie ein monatlicher Betrag verlangt und es gab eine Probezeit von drei Monaten.*³


Die Vereinstätigkeit des katholischen Gesellenvereins in Rottweil war sehr rege: es gab musikalische Darbietungen, Theateraufführungen, Turnabende und Weihnachtsfeiern.

Das Vereinslokal teilte der Gesellenverein brüderlich mit dem Lehrlingsverein. Verschiedene unangenehme Vorkommnisse jugendlichen Unverstandes erregten bald die Unzufriedenheit eines neuen Besitzers, die fortgesetzte Erhöhung der Saalmiete wiederum verdross die Gesellen. So war des Bleibens nicht mehr.*²

1911 wurde ins “Rößle“ umgezogen, welches 13 Jahre lang Vereinslokal für Gesellen und Lehrlinge blieb. Man erlebte sogleich eine „Erschütterung“ bedenklichster Art. Das Erdbeben im November 1911 ließ manchen dieses Lokal unvergesslich bleiben.*²


36 Mitglieder sind im 1.Weltkrieg gefallen, der Verein hat 1918 noch fünf Mitglieder. Im März 1920 wird bei der Mitgliederversammlung bereits wieder von über 30 Mitgliedern gesprochen.

Der Wunsch nach einem eigenen Heim tauchte immer wieder auf. Im Land zählt man bereits 14 Gesellenhäuser.

 

1920 kehrte eine Rottweilerin aus Amerika in die Heimat zurück. Sie fasste den Entschluss, für einen Gesellenhausbau eine größere Schenkung zu machen und noch einmal trotz ihrer 60 Jahre nach Amerika zurückzukehren, um dort in Bekanntenkreisen für diesen Zweck zu werben und zu sammeln. Wo eine Frau so viel Mut und Opfersinn aufbrachte, durften die Männer nicht zurückstehen.*²

1921 ist im Protokoll erstmalig zu lesen, dass man sich überlegt, ein preiswertes Gebäude zu kaufen. Allerdings gibt es Bedenken, ob ein solches überhaupt zu bekommen wäre. Die Wirtschaft „Zum Marder“ steht damals zum Verkauf, aber es gibt auch Überlegungen zum eventuellen Ankauf eines Grundstücks.


Der „Tummelhof“, der das ganze Bild der oberen Stadt verunstaltet hat*³, wird 1923 abgebrochen und die Handwerksgesellen bauten dort immer nach Feierabend an ihrem zukünftigen Heim. Es konstituierte sich eine Initiative zum Bau eines eigenen Vereinshauses und ein Hausbauverein wurde gegründet. Diesem gehörten nicht nur die Mitglieder des Gesellenvereins und Handwerksmeister an, sondern auch andere Kreise und Persönlichkeiten der Stadt.

Allerdings waren die finanziellen Mittel nach Erstellung des Rohbaus bereits erschöpft. Mit Veranstaltungen verschiedenster Art, z.B. Bazaren, Vorträgen und Haussammlungen wurde Geld „zusammengekratzt“. Somit kam trotz der Inflation der Bau nicht ins Stocken.

Die amerikanische Hilfe setzte ein, der Präses brachte eine schöne Summe heim von einer Bettelreise in die Schweiz und die Einwohnerschaft hatte eine offene Hand. Noch im Oktober wurde ein Kirchenkonzert gehalten mit der Missa in C von Rheinberger und Chören aus dem Messias von Händel. Leider war der Ertrag bei der sich stündlich steigernden Geldentwertung fast nichts mehr wert.*²


Planzeichnung vom 28.6.1923 *³

Aus dem Zeitungsbericht vom ist zum Richtfest am 18.Oktober 1923 zu lesen: „Mühsame Maurer-und Zimmerarbeit hatte das Gesellenhaus zur Giebelhöhe getrieben.……Die Wald-und Neutorstraße war von einer Anzahl Neugieriger dicht besetzt..…Der Zimmerspruch klang aus in ein Hoch auf den Präses des Gesellenvereins, die Gönner und Förderer…“

Der Innenausbau konnte, zwar mit Schulden, realisiert werden und Diözesanbischof Paul Wilhelm Keppler am 29.Juni 1924 das Katholische Gesellenhaus in der Waldtorstraße 8 einweihen.

Der Protokollant schreibt dazu:“ An Peter und Paul stand das Haus im Festesschmuck da, geziert wie eine Braut, beschienen vom allersonnigsten Sonnenschein, während tags zuvor noch unheimliche Regengüsse niedergegangen waren.“

Und in der Festschrift ist zu lesen:

Ein stattliches Heim ist es geworden, von dem man vor Jahresfrist nicht einmal zu träumen wagte. Es enthält geräumige, freundliche Zimmer : im unteren Stockwerk ein Vereinslokal für den Jugendverein, zwei Zimmer für Konferenzzwecke und ein Bibliothekzimmer; im mittleren Stockwerk das prächtig gelegene Gesellenlokal mit zwei reizenden Erkern, daran anschließend ein schöner Saal mit Theaterbühne und Flügel; im Dachstock sechs freundliche Zimmer zum Übernachten und eine beneidenswerte Wohnung mit herrlicher Aussicht ins Spaichinger Tal. Im Erdgeschoss befindet sich ein Baderaum und vor dem Haus eine mauerumschlossene Anlage.*²

 

 

Ansicht 1924 *² Ansicht 2014

In der Generalversammlung 1932 wird berichtet, dass der Verein z. Zt. 70 aktive Mitglieder zähle, davon seien etwa 50 % arbeitslos. Der Schuldenstand betrug noch 24 142,72 RM. Im Gesellenhaus wurden 436 Nachtquartiere und 507 mal ein Frühstück gewährt.

1933 wurde in der Versammlung zum Gedächtnis des 120. Geburtstags Adolph Kolpings die Neuordnung der Gesellenvereine bekanntgegeben. Der amtliche Untertitel "Katholischer Gesellenverein", für Rottweil ist künftig "Kolpingsfamilie Rottweil“.

1935 wurden die Ordensschwestern von Nähschule und Handarbeitsunterricht verdrängt und auch aus den Kindergärten mussten sie weichen. Allerdings gab es heftige Kritik und Widerstand. Im Gesellenhaus wurde kurzfristig ein konfessioneller Kindergarten eingerichtet bis er nach 14 Tagen von der Polizei wieder geschlossen wurde. *³

Der Gesellenhausbauverein verkauft 1936 das Katholische Gesellenhaus an die Kirchengemeinde Hl. Kreuz. Grund hierfür waren zum einen die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, zum anderen musste befürchtet werden, dass das Haus bei Verbleib im Besitz des Gesellenhausbauvereins enteignet wird.



Bald nach Ende des Krieges begann wieder reges Leben. Für die Idee Adolph Kolpings begeisterten sich viele junge Menschen. Die Mitgliederzahl wuchs stetig an und 1947 wurde eine Jung-Kolping-Gruppe für 14 – 18 Jährige gegründet.

Am 28.07.1949 ist die erste Renovierung des Katholischen Gemeindehauses, dem früheren Katholischen Gesellenhaus, abgeschlossen. Die Kolpingfamilie stiftet ein buntes Fenster im großen Saal im Wert von DM 200.

Erstmals im Jahr 1951 veranstaltet die Kolpingfamilie eine Nikolausaktion. 300 Familien baten damals um den Besuch des Nikolaus. Seit dieser Zeit werden die Nikolausaktionen jedes Jahr durchgeführt.

Von Juni 1958 – Mai 1959 fanden wegen Umbau des Gemeindehauses die wöchentlichen Versammlungen des Vereins im Feuerwehrhaus statt. Eine Feier zur Einweihung des erweiterten und umgebauten katholischen Gemeindehauses in der Waldtorstraße 8 findet am 26.04.1959 statt.

2014

Das frühere Gesellenhaus wurde durch den Um- und Erweiterungsbau den Bedürfnissen der Pfarrgemeinde angepasst. Der Erweiterungsbau umfasste den heutigen Ballettsaal, der als Chorraum der Münstersängerknaben und des Münsterchores genutzt wurde. Im darunter liegenden Stockwerk wurden zwei Büroräume eingerichtet, welche die damalige Kirchliche Bücherei aufnahmen. Ebenso konnte eine Kegelbahn eingerichtet werden. Ganz unten war Platz für drei vom Schwarzen Graben zugängliche Garagen. Das Kolpingzimmer stand wie bisher der Kolpingfamilie kostenlos zur Verfügung.

Nach siebenmonatiger grundlegender Umgestaltung und Renovierung des Kolpingzimmers wurde der neue Raum am 28.11.1970 eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Die anfallenden Arbeiten wurden meist in Eigenleistung der Mitglieder und von Kolping-Handwerksbetrieben geleistet und auch finanziert.

Im Oktober 1997 wird das ehemalige Gesellenhaus und spätere katholische Gemeindehaus umbenannt in: Gemeindehaus Adolph Kolping. 2009 wurde das Münsterstüble zu einem Tagungsraum umgestaltet. Es gibt dort eine Medienausstattung, neues Mobiliar und eine verkleinerte Theke.

2014

Die verschiedenen Gruppierungen nutzen das Gemeindehaus für ihre gesellschaftlichen Veranstaltungen. Daneben werden die verschiedenen Räume für Sitzungen, Besprechungen, Versammlungen, Gymnastikstunden, Erstkommunionsvorbereitung, Firmzirkel, Ausstellungen, Vorträge etc. genutzt.

  • Münsterstüble (ausgestattet mit Medientechnik)

  • Großer Saal (teilbar mit großer Bühne)

  • Adolph-Kolping-Zimmer

  • Ketteler-Zimmer

  • Ballettsaal 

Im Gemeindehaus befindet sich auch das Büro der Aktion eine Welt Rottweil sowie deren Verkaufsraum mit über 35.000 gebrauchten und gut sortierten Bücher.

Das Gemeindehaus Adolph Kolping steht auch für andere Gruppierungen aus der Stadt Rottweil offen und kann entsprechend angemietet werden.*¹

 

 

 

 

Nachweise :

Protokollbuch 1914-1926

Homepage Hl. Kreuz -> Kolpingsfamilie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums v. Hubert Schwarz

*¹ www. hl-kreuz–rottweil.de

wikipedia.org./Adolph Kolping

*² Festschrift zur Einweihung des katholischen Gesellenhauses 1924 von Kaplan Keller z. Zt. Präses

*³ Aus „Pfarrei Heilig Kreuz Rottweil“ Aspekte und Stationen ihrer Geschichte; 1991 Herausgeber : Heiner Maulhardt

Fotos: H.-P. Maier

Zusammenstellung: Ingelore Maier

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